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Der Unfall
Geschrieben von Hannah König   
Der Tag, an dem sich der Unfall ereignete – denn so sollte es aussehen: Wie ein Unfall – war kühl und grau. Seit Wochen lag ein feuchter Nebel in der Luft, zog sich über die Felder und Wiesen, die den Ort des Geschehens umgaben, und tauchte sie in eine beinahe gespenstische Stimmung.

Flüsse und Seen waren über die Ufer getreten, hatten sintflutartig Gräser und Pflanzen mit sich gerissen und das Land in ein schlammdurchtränktes Schlachtfeld verwandelt.

Nachdem sich selbst die letzten Vögel auf den langen Weg nach Süden gemacht hatten, schienen schließlich auch die einheimischen Spatzen und Amseln verstummt, so dass das Land wie ausgestorben wirkte, als sie den großen Platz betraten.

Wie ein asphaltierter Friedhof ohne Grabsteine lag die Straße vor ihnen, still und nass, unter einem mit Wolkenarmeen besetzten Himmel.

Drei Personen bewegten sich über den Platz auf eines der beiden Gebäude zu. Zwei von ihnen, ein Mann und eine Frau, hatten den Dritten in ihre Mitte genommen, der sich offenbar selbst nicht auf den Beinen halten konnte. Als sie das Fahrzeug erreichten, waren ihre Schuhe und Anzüge vom Regen durchnässt. Und wie Tränen lief das Wasser über das Gesicht des Mittleren, als die beiden Anderen die Fahrertür des Wagens öffneten und ihm halfen, sich hinter das Lenkrad zu setzen.

Das Auto fuhr los, ohne dass er selbst das Gaspedal betätigen musste. Langsam und mit einem unheilverkündenden Grollen rollte das Fahrzeug aus der Garage.

„Wie Donner“, hatte er noch gedacht, doch der Wagen beschleunigte plötzlich und er wurde mit einem Ruck in die Sitzpolster gedrückt.

Die Augen halb geschlossen, sah er die gelben Lichter, welche die Fahrbahn säumten, an sich vorüberziehen – schnell, immer schneller.

Obwohl es noch früher Nachmittag war, war der Himmel so düster, dass sie die Scheinwerfer einschalten mussten. Die trübe Luft ließ die Straße vor seinen Augen unscharf werden, wo kleine Seen hell aufleuchteten, ihn kurz blendeten, dann wie die Flamme einer Kerze erloschen.

Der Asphalt flog an ihm vorüber und er ließ alles andere hinter sich zurück, versuchte, sich nur auf sein Ziel zu konzentrieren: Das Gebäude auf der anderen Seite des Platzes, wo er bereits erwartet wurde.

Doch zuviel war da, das er nicht ausblenden konnte. Neben den immer wieder aufflackernden Lichtern, dem immer noch anhaltenden Regen, der unaufhörlich gegen die Windschutzscheibe schlug, dann vom Fahrtwind fortgerissen wurde und dem zitternden Donner des Motors, stieg nun ein Gefühl in ihm auf, das er so lange wie möglich versucht hatte zu verdrängen: Angst.

Wie Kakerlaken, die zuerst nur auf dem Boden des Wagens saßen, deren Anwesenheit er zuerst nur spürte, die jedoch plötzlich begannen an seinen Beinen nach oben zu kriechen, spürte er die Angst in sich aufsteigen, spürte, wie sie sein Inneres berührte und ihre Macht in jeder Sekunde weiter zunahm, bis er das Gefühl hatte vollkommen von ihr ausgefüllt zu sein. Nichts war mehr in ihm, nichts, als unbeschreibliche, wahrhaftige Angst. Panik. Er wollte den Gurt lösen, der ihn in seinem Sitz hielt, wollte auf die Bremse treten, das Lenkrad herumreißen, um dem unausweichlichen zu entkommen – er konnte es nicht. Keinen Millimeter wollte sich sein Körper bewegen, keinem noch so starken Gedanken die steife Hand folgen, als er versuchte die Tür aufzustoßen.

Er war verloren. Hilflos. Ausgeliefert. Die Erkenntnis übermannte ihn, schlug ihn förmlich nieder, zermalmte unter sich jede Hoffnung: Er würde sterben.

Die Wand, die nun vor ihm auftauchte, würde ihn zu Grunde richten. Sie kam näher, immer näher, schien auf ihn zuzurasen, unaufhaltsam.

Jetzt konnte ihn nur noch ein Wunder retten. Und er flehte den Himmel an, beschwor alles, an das er glaubte – doch das Wunder, auf das er wartete ... es kam nicht. Denn wenn auch in Märchen, in Geschichten und Träumen noch in letzter Sekunde ein Held auftaucht, irgendetwas göttliches geschieht, so wusste er doch, dass dies der Moment seines Endes war.

Er schloss die Augen.

Das Gebäude erzitterte unter dem Aufprall, erbebte, als Metall auf Beton traf, splitterte, unter der Kraft zerbarst und bis in die entferntesten Winkel des Raumes geschleudert wurde.

Krachend schlug der Wagen gegen die Wand und wurde unter beängstigendem Stöhnen zusammengedrückt.

Dann war es plötzlich still. Vollkommen still.

Und als sich der Staub, der die Luft trüb und unklar gemacht hatte, schließlich legte, konnte man ihn sehen, eingekeilt zwischen Lenkrad und Sitz.

Seine Arme und Beine waren auf bizarre Weise verdreht und standen, wie die verkrümmten Äste eines Baumes, in verschiedene Richtungen aus seinem Körper. Der linke Arm hing schlaff aus dem Fenster heraus. Sein Kopf, der zuerst gegen die Windschutzscheibe geschleudert worden war, lag nun zertrümmert auf dem Lenkrad, und wäre Blut durch seine Adern geflossen, so wäre nun sein Gesicht davon benetzt gewesen.

Draußen regnete es noch immer.

Der gelbschwarze Kreis an seiner Schläfe war zur Hälfte abgerissen.
 
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